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SCHÖPFUNGSVERANTWORTUNG – Christliche Tierethik

"Ein Irrtum über die Geschöpfe mündet in ein falsches Wissen über Gott und führt den Geist des Menschen von Gott fort", schreibt Thomas von Aquin in seiner "Summa contra gentiles". Wenn der Kirchenlehrer Recht hat, ist eine exakte Beschäftigung mit den Mitgeschöpfen des Menschen nicht nur nicht einfachhin luxuriös; die Ausblendung der Tiere aus der Theologie und dem Religionsunterricht und die damit verbundene Attestierung ihrer Irrelevanz führt vielmehr in ein falsches Gottesbild und verfälscht den Schöpfungsbegriff.

Unser Unwissen über die Natur 

Als irrig, wenn nicht gar pathologisch lässt sich das Verhältnis der Menschen zu  den Tieren und Pflanzen und in Folge zur Natur als Ganzer in den westlichen Industrienationen bezeichnen, von der Horst Stern sagt, sie kennten den Preis von allem und den Wert von gar nichts mehr. Dieser Irrtum äußert sich bei Kindern und Jugendlichen darin, dass - so das Ergebnis einer bundesweiten Befragung vor zwölf Jahren - nur noch ein Drittel der Kinder und Jugendlichen fünf heimische Kräuter benennen konnte, ein Siebtel fünf Zugvogelarten kannte und nur jedes achte Kind das Bild eines Lindenblattes zuordnen konnte. (Würde man Schülerinnen und Schüler heute befragen, würde diese Unkenntnis über die Natur zumindest bestätigt werden.) Das mangelnde Wissen paart sich zudem mit einer Verklärung: Laut Studie des Marburger Natursoziologen Reiner Brämer verstehen die Jüngeren unter der Natur "etwas Menschenfremdes, das durch Berührung mit dem Menschen denaturiert wird." Sogar ihren eigenen Körper schließen sie dabei von der Natur aus; für Brämer "eine höhere verinnerlichte Stufe der Naturentfremdung.“

Natur wird zweckrationalem Denken unterworfen

Außerdem meinen 91 Prozent der Bundesbürger, die "landschaftliche Schönheit  und Eigenart unserer Heımat" solle erhalten bleiben und gar 89 Prozent alters - und weltanschauungsübergreifend sagen, das Lebensrecht von Pflanzen und Tieren sei achtenswert; dass zugleich in derselben zweckrationalen Mentalität, mit der man Steinkohle abbaut, Tiere als Schlachtfleischlieferanten in der Massentierhaltung maschinell so lange konsumgerecht gezüchtet und gemästet werden, bis sie verkaufsrentabel den Weg in die Schlachthöfe antreten, wird in der gleichen Gesellschaft entweder kaum zur Kenntnis genommen oder vehement verdrängt. Die Tatsache, dass auf jeden Einwohner in Deutschland etwa zehn Tiere kommen, die in Gefangenschaft gehalten werden, wovon jährlich 90 Prozent, nämlich 754 Millionen Hühner, Schweine, Puten, Enten, Rinder und Gänse für den späteren Verzehr zum aller größten Teil industriell gehalten und geschlachtet werden, sowie in der Forschung im Jahr etwa 3 Millionen Tiere ihr Leben lassen, wird achselzuckend und mit dem Hinweis auf Wirtschaftlichkeit und Notwendigkeit in Kauf genommen.

Was der Biologe und Wissenschaftskritiker Rupert Sheldrake im Blick auf Tiere in Menschennähe konsequenterweise zynisch in die Formel bringt: "Die einen verzehren Haustierfutter, die anderen werden dazu verarbeitet", veranlasst den Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee zu einer abgründigen Kulturkritik. In seinem 2001 erschienen Buch "Das Leben der Tiere" legt er der Figur Elisabeth Costello als seinem Pseudonym die unerhörtesten Sätze in den Mund. Damit vergleicht sie die Tötungsmaschinerie des Dritten Reichs mit der Grausamkeit des Menschen gegenüber den Tieren in den Schlachthöfen. Es ist die Rede von "Todesstätten um uns herum (...), vor denen wir in einer gewaltigen gemeinschaftlichen Anstrengung unsere Herzen verschließen. (...) Wir fühlen uns nicht beschmutzt. Offenbar können wir alles tun, und doch sauber bleiben."

Relevanz der Tiere für die Anthropologie

Der Frage, ob diese Parallelisierung legitim ist oder noch einmal eine Verharmlosung des Holocaust darstellt, und ob sie zudem den Tieren tatsächlich dient, kann hier nicht ausführlich nachgegangen werden. Unseres Erachtens ist jeder Vergleich mit dem Leiden der Juden unzulässig, weil ihr Schicksal unvergleichlich bleibt; vergleichbar ist die Art und Weise, in der mit Lebendigem umgegangen wird, nämlich in rein technologischer und zweckrationaler Weise. Somit zeigt der Umgang mit den Tieren in den Industrienationen die tödliche Kehrseite eines rücksichtslosen Rationalismus. In der Äußerung Coetzees und der Wertschätzung durch das Nobelpreiskomitee deuten sich somit ein unüberhörbarer Bewusstseinswandel und eine erneute Einsicht in die Relevanz der Tiere für die

Anthropologie an. Dass die Frage nach dem Menschen aufs Engste mit der Frage nach dem Tier verbunden ist, steht auch für Coetzee fest: “In alten Zeiten wurde die Stimme des Menschen, die Stimme des Verstandes, mit dem Brüllen des Löwen und des Stiers konfrontiert. Der Mensch führte Krieg mit dem Löwen und dem Stier, und nach vielen Generationen hat er diesen Krieg endgültig gewonnen. Heute haben diese Kreaturen keine Macht mehr. Die Tiere können uns nur noch mit ihrem Schweigen konfrontieren. Heroisch weigert sich Generation um Generation unserer Gefangenen, zu uns zu sprechen." Der Nobelpreisträger schlägt damit den Bogen von den Anfängen der Menschheit und der offenbar inhärenten fundamentalen Rolle der Tiere bis in ihr heutiges Erscheinungsbild. "Angesichts des Tieres scheint sich erneut zu entscheiden, was der Mensch sein will, was er tun soll und welchen Gott er hat." So mahnt auch - als eine der wenigen ihrer Zunft - die Theologin Heike Baranzke, für die sich das Tier deutlich als anthropologische Frage entpuppt.

Relevanz der Tiere für die Theologie 

Tatsächlich mutet es angesichts der Tatsache, dass sich das Leben auf diesem  Planeten ca. drei Milliarden Jahre ohne den Menschen entwickelt hat und es keinen Platz auf der Erde gibt, an dem die Tiere nicht vor uns da waren, nicht nur grotesk an, daran zu glauben, es sei ausschließlich der Mensch, an dem Gott Gefallen gefunden habe; einen Schöpfergott anzunehmen, für den alle Mitgeschöpfe des Homo sapiens lediglich für Statistenrollen vorgesehen waren und das Gesamt des Ökosystems Erde die relativ bedeutungslose Kulisse für den Auftritt des "eigentlichen" göttlichen Partners, gerät in einen berechtigten Häresieverdacht. "... Und da kommt zuletzt der homo sapiens dazu und setzt sich den Wahn in den Kopf, diese ganze Lebensveranstaltung dreh' sich um ihn ..." so fasst der Alttestamentler Fridolin Stier die menschliche Hybris zusammen und schreibt zugleich den Theologietreibenden die Mahnung in ihr Stammbuch: "Lernt das Wundern wieder, merkt, dass eurem wissenschaftlichen und theologischen Denken jede Antwort auf die Frage nach dem Sinn dieses Seienden total versagt ist! Schenkt euch die vorgefertigten admiratio admirandi creatoris-Formeln, sagt euch lieber: Wenn das nicht zum Verrücktwerden ist!“

Tiere sind für die westliche Theologie „terra incognita“

Obwohl die Tiere innerhalb der biblischen Offenbarung ihren eigenen Platz in den großen Themen "Schöpfung", "Bund", "Erlösung", "Theodizee" und "Eschatologie" innehaben, stößt man auf der Suche nach ihrer angemessen Würdigung innerhalb der theologischen Weltkarte auf einen großen weißen Fleck. Die Welt der Tiere ist für die westliche, christliche Theologie "terra incognita". Im schöpfungstheologischen Teil des Erwachsenenkatechismus z.B. werden die Tiere nur am Rande erwähnt; im Zusammenhang mit der "Gottebenbildlichkeit" des Menschen heißt es lediglich: “Die Sonderstellung des Menschen ergibt sich für die Bibel nicht aus dem Vergleich mit dem Unten, den Tieren, sondern mit dem Oben, aus dem Vergleich mit Gott". Im zweiten Band kommen sie immerhin im ethischen Zusammenhang vor, unter den Stichworten Tierexperimente und Tierschutz. Für die theologische Anthropologie gilt, wie Heike Baranzke postuliert, dass sich ihrer ein "Exklusivitätspathos und Heilsegoismus" bemächtigt hätten - dies habe zugleich zur "Aushungerung" der Schöpfungstheologie geführt. 

Der Mensch als interplanetarischer Eroberer

Für den Naturphilosophen Klaus Michael Meyer-Abich hat das neuzeitliche Denken zur "unvernünftigen Rationalität" des Menschen geführt; das anthropozentrische Kreisen um sich selbst hat den Homo sapiens zu einem "Homointerplanetaris praedator" - einem "interplanetarischen Eroberer" - werden lassen, der seine Herkunft vergessen hat. Diese Vergessenheit impliziert die absolute Reduzierung allen übrigen tierlichen und auch pflanzlichen Lebens auf diesem Planeten zu Objekten menschlicher Verfügbarkeit. Nur eine Rückbesinnung auf den Ursprung und eine neu zu gewinnende Beheimatung im "Mit-Sein mit Anderen und Anderem" kann zu Auswegen aus der globalen ökologischen Krise führen. Somit sind die Auftritte eines "totalitären Ego-Subjektes" zwar geschichtlich möglich und real, aber deswegen noch nicht notwendige Repräsentationen menschlicher Selbstverständigung. Denn konstitutiv für den Menschen sind zugleich seine "vergessenen Träume", die ihn an die ehemalige Beheimatung erinnern. Hierhin gehören die biblisch Überlieferten. Gewinnt der neuzeitliche Mensch eben dieses Selbstverständnis in der Ab-Wendung von der Natur, so versteht sich der biblische Mensch auch und gerade in der Hin-Wendung zur geschaffenen Wirklichkeit.

Theologische Zoologıe – Die Stellung des Menschen in der Schöpfung 

Der Ansatz der Theologischen Zoologie will aufzeigen, welche Rolle den Tieren innerhalb der Schöpfung zukommt. Es sind innerhalb der biblischen Überlieferung zwei Stränge erkennen:

  1. Mensch und Tier sind radikal aufeinander bezogene und voneinander abhängige Geschöpfe und somit Partner des einen göttlichen Bundes.
  2. Das Tier hat seinen eigenen Ort in der Schöpfung und zudem ein Verhältnis zum Schöpfer, das die Signatur der Unmittelbarkeit trägt und sich dadurch vom Menschen wesentlich unterscheidet.

Der Ansatz der Theologischen Zoologie ist es also, die Würde des Tiers wieder in das Blickfeld der Theologie rücken und die Achtung des Menschen vor dem Tier als eigentlich schöpfungsgerechten Umgang plausibel machen.

Erkenntnisse der modernen Verhaltensbiologie

Aber nicht nur aufgrund der biblischen Befunde ist es notwendig das Verhältnis von Mensch und Tier in ein neues Licht zu rücken; auch die moderne Verhaltensbiologie hat die Sichtweise auf das Tier grundlegend verändert. Ihre Erkenntnisse haben in den letzten Jahren zu einem differenzierteren Tierbild geführt. Sie gesteht den höher entwickelten Tieren bezüglich kognitiver Fähigkeiten, emotionaler Reaktionen und Ansätzen einer Kulturfähigkeit eine Wesentlich größere Ähnlichkeit mit dem Menschen zu als noch vor wenigen Jahren und - befindet sich damit in überraschender Nähe zur biblischen Überzeugung. Denn die Nachdenklichkeit in Bezug auf den Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier, die sich vor allem noch im Ersten Testament findet ("Wer weiß, ob der Lebensgeist des Menschen emporsteigt, der Lebensgeist des Viehs aber hinabfährt zur Erde?" Vgl. Koh 3,19-21), wird durch die Erkenntnisse der Verhaltensbiologie erneut geschärft.

Es geht also nicht nur darum, auf die Relevanz des Tieres für den Menschen, sondern auch darum, auf "irrige" und somit zu verändernde Haltungsbedingungen hinzuweisen, und dies im doppelten Sinn: Es geht um Argumente, die für die tatsächliche Haltung der Tiere in menschlicher Obhut nicht irrelevant sind; zugleich geht es um die Begründung einer angemessene Ein-Stellung ihnen gegenüber, die nicht nur der Würde des Menschen, sondern auch der ihren gerecht wird.

Markus Bürger

Auszug aus der verwendeten Literatur

  • T. v. Aquin, Summa contra gentiles II, C3., in: U. Lüke, Mensch - Natur - Gott: Naturwissenschaftliche Beiträge und theologische Erträge, Münster 2002
  • K. Lorenz, Denkwege. Ein Lesebuch, München 1992
  • C. Grefe, Wie man in Deutschland Natur erlebt, in: DIE ZEIT Nr. 43, I6. Oktober 2003
  • C.-P. Lieckfeld, Tierliebe - ein Menschending. Warum wir lieben, was sich nicht wehren kann, in: Mensch und Tier - Eine paradoxe Beziehung, Begleitbuch zur Ausstellung, hrsg. von der Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, Ostfildern 2003
  • Q. J. M. Coetzee, Das Leben der Tiere, Frankfurt a.M. 2000
  • H. Baranzke, Das Tier - ohne Würde, Heil und Recht?, in: W. Loth (Hg.), Jahrbuch des Kulturwissenschaftlichen Instituts im Wissenschafiszentrum NRW 1995, Essen 1996
  • Simon, Biodiversität. Die Rettung liegt in unserer Hand, in: GEO Nr. 7, Juli 1999
  • Ü. Stier, Vielleicht ist irgendwo Tag. Aufzeichnungen, Freiburg/Heidelberg 1981
  • Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Das Glaubensbekenntnis der Kirche, hrsg. von der Deutschen Bisclıofskonferenz, Bonn 1985
  • Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Zweiter Band, Leben aus dem Glauben, hrsg. von der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1995
  • K.M. Meyer-Abich, Praktische Naturphilosophie
  • K. Müller, Das etwas andere Subjekt, in: Zeitschrift für katholische Theologie, 120 (2/1998)